Michael Hartmann

Wir trauern um

Michael Hartmann

10.09.1948     07.03.2022

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Nachruf

Nach langer, schwerer Krankheit ist am Sonntag, den 28. Juni 2020 IPU-Seniorprofessor Prof. Dr. Dr. Horst Kächele gestorben. Seit der Gründung der IPU vor zehn Jahren hatte er eine Professur (und seit 2019 eine Seniorprofessur) für Forschungsmethoden inne. Er hat sich um den Aufbau und die Weiterentwicklung unserer Universität besonders verdient gemacht, insbesondere im Hinblick auf die empirische Forschung und die Internationalisierung.
Wir verlieren in ihm einen Pionier der empirischen Psychotherapieforschung in der Psychoanalyse und einen leidenschaftlich engagierten, solidarischen Kollegen und warmherzigen Freund. Ihn zeichnete aus, dass er ebenso geduldig jungen Bachelorstudierenden zuhörte, wie er mit berühmten Fachkollegen auf renommierten Symposien für die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse stritt.
Die empirische Erforschung der analytischen Therapie lag ihm besonders am Herzen. So gründete er bereits zu Zeiten seiner psychoanalytischen Ausbildung in den 1970er Jahren die Ulmer Werkstatt für empirische Forschung. Von 1990 bis 2009 hatte er einen Lehrstuhl für Psychotherapie an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Ulm inne, wo er ab 1997 auch Ärztlicher Leiter war.

Lebenslauf

Vor 81 Jahren, am 20. Mai 1938 hat Michael in Neu Zürichtal, einem Ort in der deutschen Kolonie auf der Krim, das Licht der Welt erblickt. Er ist das erstgeborene Kind der Landwirtstochter Erna Hartmann (geb. Kliewer) und des Postmeisters Ferdinand Hartmann. Das Glück der jungen Familie scheint vollkommen, als 1940 Michaels Bruder Wolfgang geboren wird. Doch am Horizont ihrer heilen Welt ziehen dunkle Wolken auf.

1941 kommt der Zweite Weltkrieg nach Sowjet-Russland. Aus Angst vor Kollaboration mit
dem Feind, werden alle Russlanddeutschen von der sowjetischen Führung unter Generalverdacht gestellt, enteignet und in aller Eile, weg von der deutschen Front, in den
Osten des Landes umgesiedelt. Die Familie Hartmann wird zusammen mit vielen anderen Deutschen von der Krim nach Kasachstan deportiert und mit ihren paar Habseligkeiten mitten in der kasachischen Steppe ausgesetzt. Aus dem Nichts müssen Erdhütten gebaut werden, und es beginnt ein verzweifelter Kampf gegen Kälte und Hunger.

Die Situation für die Familie verschärft sich, als Vater Ferdinand 1942 zur Zwangsarbeit
eingezogen und in die Kohlegruben des Süd-Ural geschickt wird. Der vierjährige Michael bleibt mit seiner Mutter allein, denn der jüngere Bruder Wolfgang überlebt die entbehrungsreiche Zeit nicht und stirbt im Alter von zwei Jahren an Hunger.

1944 gelingt es dem Vater heimlich nach Kasachstan zu reisen und seine Frau Erna und
seinen Sohn Michael zu sich in den Ural zu holen. Die Stadt Korkino, nicht weit von Tscheljabinsk, soll nun für lange Jahre das Zuhause der Familie Hartmann werden.
Michael kommt in einen Kinderhort und seine Mutter bekommt in demselben eine Anstellung als Köchin. So hat Michael nie das Gefühl, alleine zu sein und sie können sich endlich satt essen.

Auch 1945, nach Ende des Krieges, als Michael mit sieben Jahren in die Schule kommt, ist das Leben der Familie noch weit von der Normalität entfernt. Gegen Ende des Jahres 1946 wird der Vater erneut inhaftiert und unschuldig zu 5 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Dem
gläubigen Familienvater bleibt nichts anderes übrig, als seinen Sohn und seine schwangere
Frau der gnädigen Fürsorge Gottes anzubefehlen.
Einige Monate später, einen Tag vor Michaels 9. Geburtstag wird seine Schwester Karin
geboren. Die Mutter sorgt nun jahrelang alleine für ihre zwei Kinder.

Es sind wohl diese schweren Jahre, die den Glauben der Mutter zu einer tiefen Überzeugung
formen, die sie an Kinder und Kindeskinder weitergegeben hat:
„Mit Gottes Hilfe werden wir es schaffen!“
Michael ist fast mit der Schule fertig, als der Vater 1951 endlich wieder nach Hause kommt.
Im Jahr darauf beginnt der 14-jährige Michael seine Berufsausbildung zum Elektroschlosser. In dieser Zeit stirbt seine liebe Schwester Karin an Lungenentzündung. Sie wurde nur sieben
Jahre alt.

Trotz der schweren Zeiten, die so oder ähnlich tausende der Deutschen in der Sowjetunion
erlitten haben, schwindet das Gottvertrauen der Eltern nicht, sondern wird umso fester.
Nach Ende der Stalin-Ära ändert sich das politische Klima im Lande und die internierten
Deutschen dürfen sich wieder freier bewegen. Hier und da entstehen Gemeinden. Die Familie Hartmann nimmt rege am Gemeindeleben teil – auch in ihrem neugebauten Haus
finden Gottesdienste statt.
1956 beginnt Michael die Versammlungen der Jugend zu besuchen und der lebendige Glaube, den er von seinen Eltern kennt, wächst in ihm zu einer persönlichen Überzeugung: Jesus Christus starb für meine Sünde, meine Schuld ist mir vergeben, Er ist mein Erlöser!
Da die Gläubigen weit verstreut leben, nutzen die Jugendlichen jeden Feiertag, um zusammen zu kommen. Als Michael sich am 8. November 1956 nach so einer Jugend-
Versammlung wieder auf den Heimweg macht, trifft er auf dem Bahnsteig ein Mädchen aus
einer anderen Jugendgruppe, das ebenfalls nach Hause muss. Erika-Luise Klippenstein und Michael Hartmann steigen in denselben Zug, und obwohl sie nicht an derselben Haltestelle aussteigen, ist es der Beginn einer über 60-järigen gemeinsamen Lebensreise.

Viele Monate nach dieser Begegnung, offenbart der inzwischen 19-jährige Michael ihr:
mehr noch als ihre Schönheit, hätte ihr selbstbewusstes, offenes Auftreten und ihre
übersprudelnde Lebensfreude in ihm den Wunsch geweckt: dieses Mädchen möchte ich mal
heiraten! Da die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruht, lernen sie sich im Lauf der Zeit kennen und lieben. Michael beendet 1958 seine Ausbildung als Elektro-Schlosser und die Arbeit in den Tiefen der Kohlegruben schafft eine solide finanzielle Grundlage für eine gemeinsame Zukunft.

Im Dezember 1958 wird Verlobung gefeiert und im folgenden Jahr, am 24. Mai 1959, einem
sonnigen aber windigen Tag die Hochzeit. Die junge Braut wird so herzlich in der Familie
Hartmann aufgenommen, dass sie Jahre später ihren Enkeln erzählt: „Ich hatte nie das Gefühl, die Schwiegertochter zu sein – ganz im Gegenteil, Oma Erna hat mich immer stolz ‚unsere Erika‘ genannt.

Trotz zunehmender Verfolgung der Gläubigen durch den KGB, lässt sich Michael auf eigenen
Wunsch am 2. Juli 1959 in Gegenwart weniger Zeugen heimlich in einem Waldsee auf seinen
Glauben taufen. Im folgenden Jahr wird der erste Sohn Jens geboren und zwei Jahre später der zweite Sohn Gerd. Nun folgt für Erika und Michael eine herausfordernde Zeit als Ehepaar und Eltern. Erika beginnt – mit voller Unterstützung von Michael und seiner Eltern – ihr Medizinstudium. Für Michael bedeutet das fast sechs Jahre lang: Schichtarbeit in der Kohlegrube, die Wirtschaft zu Hause (eine Kuh, 4 Schafe und Hühner) zu besorgen, sich Zeit für die Söhne nehmen und sich auf das Wochenende freuen. Hin und wieder, besucht Michael seine Erika in der Stadt. Sie genießen ihre Zweisamkeit und schmieden Zukunftspläne.

Als Michaels Cousin Philipp Pick sie im Frühjahr 1968 besucht und ihnen von den
Lebensumständen und den beruflichen Chancen in Estland erzählt, sind sie sofort Feuer und
Flamme. 1969 fliegen Erika und Michael nach Estland, um sich selbst ein Bild zu machen und sind begeistert. Michael bleibt gleich da, wohnt zunächst bei Philipp, sucht sich Arbeit und
beantragt eine Wohnung. Einige Monate später folgt ihm seine Familie. Erika mit einem
Medizin-Diplom im Gepäck.

Michael arbeitet als Elektro-Schlosser in der Torf-Fabrik, Erika als Ärztin und die beiden Söhne Jens und Gerd gehen zur Schule. Sonntags fährt die Familie zur Kirche, besucht Freunde und in der Freizeit unternehmen sie Ausflüge.
Die Erinnerungen, die Erika und Michael an diese vier Jahre in Estland haben, gehören in vielerlei Hinsicht zu den schönsten in ihrem Leben. Und doch fassen sie ein neues Ziel ins Auge: den Wunsch, nach Deutschland auszureisen.
Anfang 1973 stellen Michael und Erika mit ihren Söhnen und Eltern einen Ausreiseantrag und bekommen bereits vier Monate später die Genehmigung für die Ausreise nach Deutschland. In die Freude über dieses Wunder mischt sich auch Trauer, als Vater Ferdinand Hartmann einen Herzinfarkt erleidet und – bereits auf dem Wege der Besserung – an einer Lungenembolie verstirbt. Die Gewissheit auf ein Wiedersehen tröstet und macht Mut für die Zukunft! Dann verabschieden sie sich von ihren Lieben und steigen in den Zug Richtung Westen.

Am Morgen des 7. November 1973 sind sie in Deutschland angekommen. Nach einer
mehrtägigen Reise, hilft Michael seiner Familie und seiner (im dritten Monat) schwangeren
Frau Erika aus dem Zug. Mit den wenigen Habseligkeiten, die sie aus Russland mitnehmen
durften, in der Hand, schreiten sie in ein neues Leben. Vertreter des Roten Kreuzes heißen sie willkommen, dann geht es durch die Instanzen und Stationen der Einbürgerung in der neuen Heimat: Friedland – Unna Massen. Das erste Weihnachtsfest in Deutschland. Sie sind unendlich dankbar und fühlen sich überreich beschenkt.

Im Januar 1974 kommen sie nach Bielefeld. Innerhalb weniger Tage findet Michael einen
Arbeitsplatz bei Miele in der Wareneingangskontrolle und Erika als Ärztin im Johannes-
Krankenhaus. Doch bevor sie dort mit der Arbeit beginnen kann, ist sie selbst Patientin – auf
der Entbindungsstation: am 9. Mai 1974 erblickt Karsten das Licht der Welt, der dritte
Sohn von Erika und Michael.

Im Spätsommer ziehen sie in ihre eigene Mietwohnung und ca. fünf Jahre später in das
eigene, neu gebaute Haus in Bielefeld-Brake. Die Familie Hartmann schließt sich gleich zu Beginn der Mennonitengemeinde in Bechterdissen an, später der Mennonitengemeinde Bielefeld. Michael singt in einem Gemeinde-Chor mit und engagiert sich im praktischen Dienst, besonders, als in Baumheide das neue Gemeindehaus entsteht. Als die Kirche fertig ist, wird Michael als Diakon eingesegnet und übt diesen Dienst über lange Jahre ehrenamtlich aus. Auf Michaels Initiative geht Erika 1983 den Weg in die Selbständigkeit und lässt sich mit einer eigenen Praxis nieder. Höhen und Tiefen sowohl beruflich als auch privat werden mit Gottes Hilfe gemeistert.

Da sie die Ruhe und Erholung in der schwedischen Natur lieben, erwerben sie dort ein Haus,
das für Familie und Freunde zum Urlaubsdomizil wird. Als Michael 1996 das Rentnerdasein in Angriff nimmt, ist die Schar der Enkelkinder auf 6 angewachsen und das siebte kündigt sich an. Opa nimmt sich immer viel Zeit für sie.
Nachdem auch Erika das Berufsleben beendet hat, entscheiden sie sich dafür, ganz in
Schweden zu leben. Es folgen 10 wunderschöne Jahre der Zweisamkeit voller Kraft und
Gesundheit, gewürzt mit vielen Besuchen und Urlauben der Kinder, Enkelkinder und vieler
Freunde.

2009 feiern Michael und Erika ihre Goldene Hochzeit. Weihnachten 2011 erleidet Michael einen Schlaganfall und erholt sich danach soweit, dass sie, unterstützt durch Familie und Nachbarn, noch sieben weitere Jahre in Schweden verbringen können. Doch die 80 Lebensjahre haben ihre Spuren hinterlassen. Kräfte und Gesundheit lassen nach und das Reisen fällt zunehmend schwer. So leben sie seit 2017 wieder in Deutschland.
Im Februar 2019 feiern sie mit ihrer Großfamilie und vielen alten und neuen Freunden die
Diamant-Hochzeit, ihr 60-jähriges Ehejubiläum.
Im August 2019 kommt Michael wegen starker Schmerzen ins Krankenhaus. Nachdem die
Ärzte einen weit fortgeschrittenen Tumor diagnostizieren, wird Michael nach Hause entlassen. Seine Lieben begleiten ihn liebevoll, bis er am 27. August 2019 das Ziel seines Lebens und Glaubens erreicht hat.

Michael Hartmann ist nie ein Mann vieler Worte gewesen, eher ein Mann der Tat und des
Dienstes für andere. Doch wenn er sprach, waren seine Worte meistens mit Liebe und
Humor gewürzt. Mit wenigen Worten, Gesten und sanften Berührungen hat er vielen Trost,
Mut und Zuwendung erwiesen.

Danksagung

Wir danken allen von Herzen, die uns in dieser schweren Zeit zur Seite standen und trost spendeten. Auch sind wir sehr dankbar für alle Beiträge und Hilfestellung bei der Trauerfeier.

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